Guter Geist aus Sachsen

Die Hardenberg-Wilthen AG gehört zu den traditionsreichsten Spirituosenherstellern Deutschlands. Mit der Wilthener Weinbrennerei verfügt sie über einen der ältesten Weinbrennerei-Standorte. punkt hat sich dort umgeschaut.

Karina Steglich prüft den Stand der Mazeration: Wie viel an wertvollen Inhaltsstoffen ist aus den getrockneten Früchten und Schalen schon ins Produkt übergegangen?
Karina Steglich prüft den Stand der Mazeration: Wie viel an wertvollen Inhaltsstoffen ist aus den getrockneten Früchten und Schalen schon ins Produkt übergegangen?
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Einige Zutaten für den Wilthener Gebirgskräuterlikör: von Zimt, Bitterklee und Johannisbrot über Enzian bis zu Sternanis.
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Wilthener „Gebirgskräuter“ und der Weinbrand „Nr. 1“ – zwei Spezialitäten aus Sachsen.
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Das „Pariser Fass“ wurde für die Weltausstellung 1900 hergestellt und ist noch heute in Gebrauch.
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Nach genau festgelegten Verfahren werden die Produkte täglich verkostet.
Birgit Großmann wacht über die Qualität von Produkt, Abfüllung und Verpackung. Abfüllung und Verpackung.
Birgit Großmann wacht über die Qualität von Produkt, Abfüllung und Verpackung.
Abfüllung und Verpackung.

Es riecht weihnachtlich zwischen den großen Holzbotti­chen. Ein Blick auf die Zutatenliste verrät, warum: Zimt, Kardamom, Sternanis, Süßholz und Nelken – wie aus Omas Backbuch. Allerdings ist beim Genuss dieser Leckereien Vorsicht geboten. Hier werden nämlich keine Kekse hergestellt, sondern Spirituosen. Zu den genannten Zutaten kommen Ingwer, Orangenscheiben, Enzian, Aloe und Pomeranzen. Denn Magenbitter und Kräuterliköre wie der Wilthener Gebirgskräuterlikör entfalten ihren Geschmack nicht nur über den Alkohol, sondern auch über die Aromen von Kräutern und Früchten.

Die Weinbrennerei in Wilthen nahe Bautzen besteht schon seit 1842 und ist damit eine der ältesten Brennereien Deutschlands. 2017 feiert sie ihr 175-jähriges Bestehen. Gebrannt wird hier allerdings nicht mehr. „Bei den Mengen, die wir verarbeiten, wäre das nicht mehr wirtschaftlich“, sagt Lutz Schürer, Geschäftsleiter Produktion. „Dafür müsste man Unmengen Brennwein hierher transportieren.“ Stattdessen beziehen die Wilthener feinste Weindestillate aus Frankreich, vor allem aus dem Gebiet um Cognac. Ein Zufall ist das nicht. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts trugen auch Branntweine aus Deutschland die Bezeichnung „Cognac“. Heute werden sie als „Weinbrand“ vermarktet.

Ein Blick hinter die Kulissen
Den Charakter der Liköre prägen vor allem Kräuter- und Fruchtauszüge. Der Geruch am Arbeitsplatz von Karina Steglich und Claudia Plewik ist daher besonders intensiv. Zusammen arbeiten sie in der Mazeration, bei der Alkohol und Wasser den getrockneten Früchten und Schalen in riesigen Holzbottichen die Wirkstoffe entziehen. Das Ergebnis ist der wohlriechende Gebirgskräuter­likör von dunkelbrauner Farbe und würzigem Geschmack.

Das genaue Rezept verraten die Wilthener nicht, genauso wie den einen oder anderen Kniff, den Steglich und Plewik während der mehrere Wochen dauernden Mazeration benutzen. Nur so viel wird preisgegeben: 60 Tonnen der pflanzlichen Rohstoffe verbraucht der Standort Wilthen jährlich. Sie kommen aus der ganzen Welt nach Sachsen. „Die besten Pomeranzen kommen aus Haiti“, weiß Steglich. „Das Klima und die Bodenverhältnisse sind dort besonders günstig.“

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Nach der Mazeration wird das Produkt durch spezielle Zellulosefilter von Rückständen befreit.

Nach der Mazeration folgt der letzte Schritt: die Filtration. Spezielle Zellulosefilter holen auch noch die kleinsten Schwebstoffe aus der Flüssigkeit. „Gerade die Pomeranzen hinterlassen feine Rückstände, die natürlich nicht im Produkt bleiben dürfen“, sagt Steglich. Das fertige Produkt wird in blitzenden Stahltanks gelagert und von dort der Abfüllung zur Verfügung gestellt – wenn Birgit Großmann es freigibt. Mit ihren Mitarbeiterinnen im Labor wacht sie beispielsweise über Alkoholgehalt, Dichte, Zusammensetzung und die Qualität der Produkte.

 

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Die Abfüllung läuft weitgehend automatisch durch hochmoderne Abfüll- und Verpackungsmaschinen.

Topmoderne Abfüll- und Verpackungsmaschinen übernehmen den Rest. Sie füllen den fertigen Gebirgskräuterlikör in Flaschen ab, verschließen, etikettieren und verstauen sie in Kartons. Bei aller Faszination für traditionsreiche Produkte und ihre Herstellung – das Werk arbeitet effizient und ist nach dem neuesten Stand der Technik organisiert. Hauptmarkt ist Deutschland und bei uns dürfte der Wilthener Gebirgskräuter-
likör eine der beliebtesten Spirituosen sein. Doch aus dem beschaulichen sächsischen Wilthen gehen die Produkte auch in die ganze Welt – ein guter Geist aus Sachsen sozusagen.

Tradition verbunden mit Nachhaltigkeit
35,6 Millionen Einheiten füllt das Werk jährlich ab, von der kleinen 0,02-Liter-Flasche bis zur Drei-Liter-Sonderabfüllung für Gaststätten. Mit 8,6 Millionen Flaschen à 0,7 Liter ist der Gebirgskräuterlikör eines der wichtigsten Produkte. Partner für das umweltschonende Recycling der Flaschen und Behälter ist der Grüne Punkt. Aus dem gesammelten Altglas werden neue Flaschen – die möglicherweise auch hier in Wilthen wieder eingesetzt werden (siehe auch punkt 01/2015).

Große Teile des Betriebsgeländes nehmen die Fasslager ein: In Fässern aus Limousineiche lagern Weindestillate, häufig aus Frankreich und aus den besten Lagen des Cognac. Aus den diversen Destillaten komponieren die Wilthener verschiedenste Weinbrände bis hin zum Spitzenprodukt. Vor den Edelbränden aus Frankreich brauchen sich die Produkte nicht zu verstecken. Unter den Fässern selbst finden sich zahlreiche Raritäten, manche noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Bei richtiger Nutzung sind sie sehr dauerhaft“, weiß Birgit Großmann.

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Besonders beliebt im Einzelhandel sind fertige Verkaufsdisplays, die den Gebirgskräuterlikör ansprechend präsentieren.

Die Flüssigkeit sorgt dafür, dass die gefüllten Fässer dicht bleiben. Wird ein Fass dagegen nicht genutzt, so trocknet das Holz aus und schwindet, zieht sich also zusammen. Dadurch würde das Fass lecken.

Das berühmteste Fass – und natürlich ist auch dieses noch in Gebrauch – ist das „Pariser Fass“, das Unternehmenschef Carl Albert Hünlich für die Pariser Weltausstellung 1900 herstellen ließ. Das riesige Fass gewann damals eine Goldmedaille, der Inhalt eine silberne – „weil es natürlich nicht anging, einem deutschen Weinbrand in Frankreich eine Goldmedaille zu verleihen“, schmunzelt Lutz Schürer.

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Hotel „FREIgeist“ Northeim
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Hotel „FREIgeist“ Northeim mit Golfplatz

Die Hardenberg-Wilthen AG
Die Wilthener Weinbrennerei gehört zur Hardenberg-Wilthen AG, hinter der Carl Graf von Hardenberg mit seiner Familie steht. Die Gruppe ist der sechstgrößte Spirituosenabfüller Deutschlands. Der größte Teil der Anlagen steht in Wilthen. Der KeilerKopf ziert das Wappen derer von Hardenberg. Zur Unternehmensgruppe gehört noch viel mehr: Unter dem Namen Gräflicher Landsitz Hardenberg vereinen sich das elegante 5*Relais & Châteaux
Hardenberg BurgHotel mit dem Restaurant Novalis, die Hardenberg KeilerSchänke, die Gräflich von Hardenberg’sche Kornbrennerei, die über
1.000 Jahre alte Hardenberg BurgRuine, das Hotel „FREIgeist Northeim“ und zwei der schönsten Golf-plätze Norddeutschlands zu einer eigenen touristischen Destination.

www.hardenberg-wilthen.de