Spurlos übers Wasser wandeln

Sie waren eines der Highlights des Sommers 2016: die „Floating Piers“ des Künstlers Christo auf dem nord­italienischen Iseosee. Mehr als 1,2 Millionen Besucher lockte der 81-Jährige mit seiner gigantischen, drei Kilometer langen Installation an.

The-Floating-Piers---The-Floating-Piers,-Lake-Iseo,-Italy,-2014-16aZahlreiche Besucher wandelten übers Wasser: Die Stege führten vom Festland zunächst zur Insel Monte Isola und von dort zum kleineren Eiland San Paolo. Was von den 16 Meter breiten Pfaden heute übrig ist? Nichts. Christo legt großen Wert darauf, dass seine Werke recycelt werden.

Bekannt wurde der gebürtige Bulgare Christo Vladimirov Javacheff gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude durch spektakuläre Aktionen: 1995 sorgte er in Deutschland mit der Verhüllung des Reichstagsgebäudes erstmals für riesiges Aufsehen. 100.000 Quadratmeter Polypropylengewebe der münsterländischen Firma Schilgen ließ der Künstler um das Parlamentsgebäude wickeln. Schon damals verschwand alles nach drei Wochen – ohne Spuren oder gar Abfall zu hinterlassen.

The-Floating-Piers---Workers-install-the-felt-that-will-cover-the-floating-cubes-before-the-yellow-fabric-is-installed,-May-2016
Innerhalb eines halben Jahres bauten zahlreiche Helfer aus einem Gerüst im Wasser Christos Vision zusammen: die „Floating Piers“. Das gelbe Obermaterial gab den Stegen den finalen Look.

Die Stoffe ließ der Künstler jedoch nicht einfach vernichten. Die deutsche Firma Altex übernahm schon damals das Recycling. Auch die „Floating Piers“ fanden nach der Aktion ihren Weg nach Gronau im Münsterland. Im Sommer 2016 trafen dort 100.000 Quadratmeter goldgelber Stoff und das von Altex hergestellte Untervlies ein.

Ein Jahr später ist davon nichts mehr übrig. Altex säuberte und zerkleinerte die Materialien. Alltag für das Unternehmen, das rund 3.000 Tonnen Textilien monatlich recycelt. Die Fasern des gelben Polyamidgewebes wurden zu Nadelfilz. Dieses Material wird vor allem als Dämmmaterial oder Schutz unter Plastikfolien eingesetzt – zum Beispiel beim Garten- und Landschaftsbau. Sogar im Straßenbau finden sich nun Teile des Stoffes wieder. Das Untervlies liegt heute auf Reitplätzen – in Form kleiner Textilschnipsel. Vermischt mit einer Sandschicht sorgen diese für Stabilität. Der Boden ist dadurch härter und bietet Pferden einen besseren Schutz: Die Tiere rutschen durch das zusätzliche Material seltener weg. Und dieser Prozess ist ganz im Sinne von Christo: Sein Projekt ist voll und ganz verschwunden, aber das Material lebt weiter.

The-Floating-Piers---At-the-textile-manufacturer-Setex,-90,000-square-meters-of-shimmering-yellow-fabric-are-produced,-Greven,-Germany,-The-Floating-Piers---Christo-is-watching-a-diver-hooking-a-fabric-panel-to-the-side-of-a-floating-pier,-June-15,-2016