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Kartons haben sieben Leben

Sie schützen Milch, Apfelsaft oder Tomatensoße. Fast jeder nutzt Getränkekartons und wirft sie anschließend in die Gelbe Tonne. Doch was passiert dann? Aus den bunten Verpackungen wird feines, braunes Papier. Wir begleiten einen Karton auf seiner Reise durch die Recyclinganlagen.

Wände aus Papier: Vorsortierte Ballen mit Getränkekartons und hellem Altpapier bringt ein Gabelstapler zum Schredder.
Wände aus Papier: Vorsortierte Ballen mit Getränkekartons und hellem Altpapier bringt ein Gabelstapler zum Schredder.

Ein Luftstrahl schubst Getränkekartons vom Band, während er andere Verpackungen, z. B. Joghurtbecher, zur nächsten Station weitersausen lässt – unser Abfall muss zuerst geordnet werden. An den Fließbändern der Sortieranlage geht dies heute weitgehend automatisch. Mithilfe von Licht, Kamera und Computer wird erkannt, aus welchem Material die Produkte aus der Gel­ben Tonne sind. Ein Getränkekarton besteht vor allem aus Pappe, dazu noch Polyethylenfolie und Aluminium. Für Papierhersteller sind die langen und reißfesten Zellulosefasern besonders wertvoll. Doch wie löst man sie am besten wieder aus dem Verbund heraus?

Das Material wird zerkleinert, bevor   in der Auflösetrommel die Papieranteile aufgeweicht werden.
Das Material wird zerkleinert, bevor  in der Auflösetrommel die Papieranteile aufgeweicht werden.

Dies geschieht nicht in der Sortieranlage, sondern beispielsweise bei der Papierfabrik Niederauer Mühle in Kreuzau (NRW). Hierhin wird ein großer Teil der landesweit gesammelten Kartons geliefert: in meterhohen, über 600 Kilogramm schweren, festgepressten Ballen. Soßen-Packungen schmiegen sich an Milchkartons und Orangensaftbehälter. Ein paar Fliegen krabbeln emsig darauf herum. Es ist heiß an diesem Tag. Staplerfahrer entladen die ankommenden Lkws und schichten mehrere Lagen übereinander. Nebenan türmen sich andere Altpapiere. All das gilt es zu ordnen und in die richtigen Bahnen zu lenken. „Getränkekarton rein, neues Papier raus – dieser Prozess dauert bei uns gerade einmal zweieinhalb Stunden“, verrät Inhaber und Geschäftsführer Holger Autenrieb. Er nimmt uns mit in die europaweit größte Anlage dieser Art.

 

Alle Prozesse überwacht Jacek Melcher in der Schaltzentrale.
Alle Prozesse überwacht Jacek Melcher in der Schaltzentrale.

 

Folien- und Aluminiumflocken bleiben übrig. Diese „Zuckerwatte unserer Zivilisation“ prüft Abteilungsleiter Roland Rameil, bevor sie gebündelt und weiterverwertet wird.
Folien- und Aluminiumflocken bleiben übrig. Diese „Zuckerwatte unserer Zivilisation“ prüft Abteilungsleiter Roland Rameil, bevor sie gebündelt und weiterverwertet wird.

Zuckerwatte aus Folie und Alu
Ein Labyrinth aus grauen Rohren, Fließbändern und Metalltreppen. Leise rollt ein roter Gabelstapler um die Ecke, wuchtet einen der Ballen auf das Förderband. Die Kartons verschwinden in einem Stahlkasten. Darin werden sie in handgroße Stücke geschreddert, wandern dann in eine rotierende Trommel. Die ist imposant: zehn Meter lang, mit einem Durchmesser von dreieinhalb Metern. Sie brummt wie eine Waschmaschine und funktioniert fast ebenso, allerdings ganz ohne Chemikalien. Gemischt mit warmem Wasser wird das Material über Schaufeln nach oben gehoben. Fällt es wieder nach unten, lösen sich durch den Aufprall die aufgeweichten Papieranteile.

Sie fließen in eine weitere Trommel; hier wird der Faserstoff durch kleine Löcher abgeschwemmt. Etwa eine halbe Stunde dauert der gesamte Waschgang. Der feste Karton hat sich in einen wässrigen, braunen Faserbrei verwandelt. Er wird noch sorgfältig gereinigt: Gleich nebenan glitzern die ausgespülten Reste – zwischen den Sandkörnern stecken Büroklammern und Glassplitter.

Am Ende spuckt die Maschine das aus, was nicht durch die kleinen Löcher passte: vor allem die Beschichtung aus Kunststoff und Aluminium, tausende Kunststoffdeckel, aber auch alles, was falsch sortiert wurde. Weißgraue Haufen türmen sich. Die Zuckerwatte unserer Zivilisation fühlt sich fluffig an. Sie ist zwar ungenießbar, lässt sich aber weiterverwerten (siehe Info-Kasten).

Papierfasern sind an dieser Stelle nicht mehr zu entdecken, sie werden gerade sortiert, gemahlen und zur Papiermaschine gepumpt – genauestens überwacht von Abteilungsleiter Roland Rameil. Er ist seit 27 Jahren im Job. „Mittlerweile werden alle Prozesse digital erfasst“, sagt Rameil und zeigt dabei in der Schaltzentrale auf mehrere Monitore. „Wir haben das Recycling von Getränkekartons über Jahre hinweg verfeinert.“

Pionierarbeit
Es war ein Abenteuer, als sich die Niederauer Mühle darauf spezialisierte, neben Altpapier auch Getränkekartons zu verarbeiten. Unterstützt von den Herstellern der Kartons ging die Anlage 1999 in Betrieb. „Das Abenteuer habe ich nie bereut, auch wenn die Prozesse komplexer geworden sind“, erinnert sich Papieringenieur Holger Autenrieb. Ärgerlich sei, wenn zu viele Fremdstoffe in den Ballen stecken. Die Sortiertechnik werde weiter verbessert, um so viele Rohstoffe wie möglich zurückzugewinnen.

Das Familienunternehmen mit 175 Mitarbeitern stellt das Basismaterial für neue Verpackungen wie Schuh- oder Pizzakartons her. Weiß gedeckte Wellpappenrohpapiere heißt das in der Fachsprache. Zu 100 Prozent aus Altpapier, 300.000 Tonnen pro Jahr. Die Zellulosefasern der Getränkekartons bekommen in der braunen Unterseite ein neues Leben, die weiße Oberschicht entsteht aus hellem Altpapier – gesammelt in Kaufhäusern und Druckereien.

 

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Eine Papiermaschine sieht aus wie eine lange Straße aus Walzen, Drehrädern und Stahltreppen.

 

 Es ist heiß wie in der Sauna, denn die zarten Fasern werden bei über 100 Grad Celsius getrocknet.
Es ist heiß wie in der Sauna, denn die zarten Fasern werden bei über 100 Grad Celsius getrocknet.

Die nächste Halle beherbergt die Papiermaschine, eine lange Straße aus dicken Walzen, Drehrädern und Stahltreppen. Jetzt wird es laut – ein durchdringendes Pfeifen ertönt. Je höher man auf den Gitterstufen klettert, desto wärmer ist es. Von oben sieht man, wie die Fasersuspension auf ein riesiges flaches Sieb verteilt wird. Zuerst liegt der Faseranteil lediglich bei fünf Prozent; nach einer ersten „Entwässerung“ sind es bereits 20 Prozent. Danach wird die braune Schicht mit der weißen Deckenschicht verpresst. Der Papiermacher sagt „vergautscht“. Es ist heiß wie in einer Sauna: Weißer Dampf steigt auf, als die Papierbahn in Schlangenlinien über bis zu 100 Grad Celsius heiße Metallzylinder rast.

Die frische Papierrolle ist 40 Tonnen schwer, bevor sie auf die gewünschte Breite geschnitten wird.
Die frische Papierrolle ist 40 Tonnen schwer, bevor sie auf die gewünschte Breite geschnitten wird.

Papiermaschinen sind groß: Es ist weit bis zum Ende der Halle, wo eine 40 Tonnen schwere, frische Rolle auf gigantischen Haken ruht. Nun wird das Papier noch auf die vom Kunden gewünschte Breite zugeschnitten und innerhalb weniger Stunden auf Lkws verladen. Die Kreuzauer beliefern Verpackungshersteller weltweit. Zwischen den haushohen Papierrollen herrscht selten Ruhe; in vier Schichten wird hier rund um die Uhr gearbeitet.

 

Besser als ihr Ruf
Schaut man auf die Ökobilanz der Kartons, haben sie klare Vorteile, verglichen mit anderen Einweg-Getränkeverpackungen. Überdies hat das ifeu-Institut errechnet, dass gegenüber der Müllverbrennung von Getränkekartons bei ihrem Recycling 20 Prozent weniger Treibhausgase entstehen, was unsere Atmosphäre jährlich um ca. 55.000 Tonnen CO2 entlastet.

Getränkekartons sind beliebt: Allein auf den deutschen Markt gehen jährlich 175.000 Tonnen, das sind etwa acht Milliarden Stück. Davon landen etwa 70 Prozent in einer Anlage wie der in Kreuzau. Ihre Verwertungskapazitäten sind gut ausgelastet, aber noch nicht erschöpft, und das ist auch gut so: Mit dem neuen Verpackungsgesetz steigt ab 2019 auch das Recyclingziel für Getränkekartons. Wichtig ist, dass die Verbraucher sie richtig entsorgen. Leer gehören sie in die Gelbe Tonne.

Zweieinhalb Stunden sind vergangen, von unserem Karton ist nichts mehr zu sehen. Beeindruckend, wie schnell aus gebrauchten Verpackungen reines Papier wird. Ein aufwändiger Prozess, doch die Mühe lohnt. Papierfasern sind ein bisschen wie Katzen – sie haben sieben Leben, können also bis zu sieben Mal wiederverwendet werden.

Im Lager bleibt das Papier nicht lange – zügig wird es in der Niederauer Mühle auf Lkws verladen.
Im Lager bleibt das Papier nicht lange – zügig wird es in der Niederauer Mühle auf Lkws verladen.